Erſter Band.
Lebens auch ſchon Thränen gebracht, wenn Du überhaupt von einem Lenze ſprechen kannſt.“
Er fühlte ſich ſeltſam ergriffen, er wußte ſelbſt kaum weßhalb; aber er beugte ſich über den Schlummernden und küßte ihn auf die Stirn. Da regte ſich der Knabe im Schlaf, die Arme löſten ſich, er ſchlug die großen, tiefblauen Angen auf und ſah durch die Nehel des Traumes zu Oswald empor. Und da zuckte es wie ein ſ tiger Strahl über ſein Geſicht; alles Düſtre war verſchwunden und ein warmes, hinreißend freundliches Lächeln ſpielte in den lebensvollen Zügen.
„Ich habe Dich lieb,“ ſagte der Knabe.
„Und ich Dich,“ antwortete Oswald.
Da wandte ſich Bruno auf die Seite und Oswald hörte an den tiefen, regelmäßigen Athemzügen, daß er wieder feſt entſchlafen ſei. „Hat er Dich wirklich geſehen, oder biſt Du ihm nur als Traumbild erſchienen?“ fragte ſich der junge Mann, als er, voll von dem Ein⸗ druck dieſer kleinen Scene, in ſein Zimmer zurückſchritt. Er ſtellte das Licht wieder auf den Tiſch, trat an's Fenſter, öffnete es und lehnte ſich hinaus.
Der Himmel hatte ſich mit Wolkendunſt bedeckt, durch den der volle Mond, der ſchon tief am Himmel ſtand, nur als dunkelrothe Feuerkugel ſchien. Im Oſten wetterleuchtete es. Die Luft war ſchwül und drückend. In dem Schloßgarten tief unter dem Fenſter ſchim⸗ merten die weißen Blüthenbäume. Tiefer finſterer Schatten lag auf den Buchen und Eichen, die von dem hohen Wall, der den Garten umgab, rieſig in den Himmel wuchſen. Nachtigallen ſchlugen in vollen langgezogenen Tönen; ein Brunnen plätſcherte leiſe, wie im Schlaf.
Oswald fühlte ſich ſeltſam bewegt. Seine Vergangenheit ging in dämmernden Bildern an ſeinem Geiſte vorüber, wie die Wolkenſchleier an dem Monde vorüber wallten; Ahnungen der Zukunft zuckten da⸗ zwiſchen, wie das Wetterleuchten gegen Aufgang. Da rauſchte es lauter in den Bäumen, die helle Glocke, die ihn bei ſeiner Ankunft begrüßt hatte, ſchlug langſam zwölf.
Er fuhr empor.„Du wollteſt dir ja das Träumen abgewöhnen,“


