Druckschrift 
Die Eroberung von Toulouse : eine historische Novelle / von Frederic Soulié ; aus dem Französischen übertragen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

73

ihm ſein Erbe ſtreitig machen, und wie er fur ſeine Tochter und Levis Alles aufgeſpart habe, ohne den verlornen Sohn auch nur einigermaßen bedacht zu haben. Und wer war denn eigentlich dieſer Michael, der ihm erſt nach zwanzig Jahren entgegentrat und doch ſchon vor ſeinem Weggange aus dem väterlichen Schloſſe dageweſen ſein mußte? So fuhren Zweifel uͤber Zweifel durch Otho's leben⸗ digen Geiſt, während ſein alter Vater wieder ganz in ſeine Apathie verſunken war und alles erſt im Augenblicke Vorgefallene auch ſchon wieder vergeſſen zu haben ſchien. Otho jedoch mußte Aufklärung haben und rief daher ſeinem Vater mit lauter Stimme zu:„Den Tod Eures Sohnes wollt Ihr alſo, Vater?“

Aber ſchon ſchweifte dieſer wieder mit anderen Ideen umher, mit duſterem ſtieren Blicke ſtarrte er ſeinen Sohn an und mur⸗ melte:„Alle Beide, alle Beide haben geliebt; alle Beide ſollen ſterben. Komm, Credo, hier nimm Dolch und Börſe und uͤbe Gerechtigkeit; alle Beide ſollen ſchlafen, denn nur die gekränkten und verhoͤhnten Greiſe können nicht ſchlafen; geh' und nimm den Dolch.“

Otho glaubte, wenn er auf die Worte ſeines Vaters eingehe, dieſen zum Weiterſprechen zu veranlaſſen, nahm daher die tödtliche Waffe und ſprach:„Und dann, gnaͤdiger Herr?“

„Credo,“ nahm wieder der Alte das Wort,„Du weißt jetzt ein Geheimniß, das Niemand auf der Welt weiter kennt, ſelbſt der nicht, der es erſt aus meinem Teſtamente, das neben der Börſe und dem Dolche lag, erfahren ſollte, das auch Otho nicht erfahren darf, weil dieſer leben bleiben ſoll, denn er liebt die Graͤfin, und ſie liebt ihn nicht mehr.“

NMit ängſtlicher Spannung hörte Otho auf dieſe Worte, die ſo unbeſtimmt die noch viel unſteteren Gedanken des Greiſes aus⸗ drückten. Immer ernſter und wehmuͤthiger wurden des Letzteren Züge, bis er endlich den Kopf in ſeine Hände barg und mit weinerlicher Stimme fortfuhr:

„Ich war ein ungluͤcklicher Vater, Credo, mein Sohn, der legitime Erbe meines Namens, wollte mir das Weib, das ich liebte,