27
Guy von Lepis die goldne Stickerei für die Dame, die meine Schweſter heißt. Nur mit Mühe ließ ſich damals der junge Mann davon abhalten, ſeinen Stab zu zerbrechen, und ſagte mir:„Dem Herrn dieſes Menſchen will ich noch weniger Land, als ihm ſelbſt Stickerei zumeſſen; nur ſechs Fuß ſoll ihm werden⸗ gerade ſo viel, als ein Grab bedarf; oder ehe noch ein Jahr ver⸗ geht, bin ich eine Leiche.“
Das Blut der Provence ſprach aus ihm, und ſeine Thaten haben es gezeigt, daß die Worte keine eitle Prahlerei waren. Wir zogen dann in Rom ein, wo die Grafen von Toulouſe, von Foir und Comminges unſerer ſchon warteten. Aber in dieſem Aufzuge hatten ſie uns nicht erwartet, denn ein König und Oheim mußte doch den zu ihm geflüchteten Sohn ſeiner Schweſter beſſer beſchü⸗ tzen; aber wir erſchienen ſo, und wenn unſer dortiger Aufenthalt nicht ſo elend wie unſere Reiſe war, ſo hat das ſeine urſachen, die weder dem heiligen Vater noch den roͤmiſchen Baronen zur Ehre
gereichen.
„Dieſe icn wollen wir eben wiſſen,“ ſprach eine ernſte maͤnnliche Stimme,„denn von franzöſiſchen Rittern habe ich ſon⸗ derbare Dinge gehoͤrt.“
„Herr Wilhelm von Minerve, hältſt Du die franzoͤſiſche Zunge für loyaler, als den franzöſiſchen Degen? Weißt Du nicht, daß ſie eben ſo gern durch Verleumdung wie durch das Schwert das Glück eines Feindes zerſtören?“
„Beſſer, als Du, kenne ich die Franzoſen, denn ſeit zehn Jah⸗ ren fechte ich gegen ſie, Mann gegen Mann; aber noch beſſer kenne ich das Blut Raimund's, unſeres verrätheriſchen Grafen, der uns bei dem erſten Einfalle der Barbaren im Stiche gelaſſen, der ſich immer dem Erſten Beſten verkauft hat, der erſt Philipp von Frank⸗ reich, dann Richard von England Treue geſchworen, und ſpaniſchen Mohrenfürſten Treue ſchwören würde, wenn er deſſen zu einem neuen Verrathe bedürfte.“
„Ich ſpreche nur von dem jungen Grafen, ſeinem Sohne,“ ent⸗ gegnete Otho,„den habe ich geſehen, von dem Anderen habe ich nur gehört!“


