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Erzählungen / von Julius Gr. v. Soden
Entstehung
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Dyßenterie ſeyn ſollte. Die Trauer des Volks und die Verzweiflung der Diener des Prinzen

wurden ſo laut, daß auch die leidenſchaftlich⸗ ſten Geſchichtſchreiber es nicht zu läugnen wag⸗ ten. Der Graf von Lerma, dem der König

die Aufſicht über den Prinzen während ſeiner

Gefangenſchaft übergab, hatte eine ſo auſſer⸗ ordentliche Zuneigung für ſeine Perſon gefaßt, daß er nun vor dem ganzem Hofe untröſtlich erſchien.

Der König, für den dieſer Schmerz Vor⸗ wurf war, ſuchte ihn durch die ſicherſten Mit⸗ tel zu beſchwichtigen. Er belohnte die Diener⸗ ſchaft des Don Karlos auf das freygebigſte, gab dem Grafen Lerma eine Kommanderie des Ordens von Kalatrava und erhob ihn zum Kam⸗ merherrn. Man konnte leicht errathen, daß dieſe Großmuth nicht Dankbarkeit für die An⸗ hänglichkeit an Don Karlos zum Grund hatte.

Indeß minderte ſich die Begierde des Publi⸗

kums nicht, das Andenken des Prinzen zu eh⸗ ren. Man erfuhr, der König wolle ihm ein äußerſt prächtiges Leichenbegängniß halten; die Stadt Madrit verlangte alſo, man ſollte ihr erlauben, dieß zu veranſtalten und die Koſten zu beſtreiten. Zwar ſah der König voraus, ein folches Leichbegängniß werde mit Lobreden vegleitet ſeyn, nicht ſehr ehrenvoll für die