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zugeben, gleich als wäre es unſere Pflicht geweſen, uns mit dem ipse dixit dieſes neugebackenen Pythagoras zu begnügen. Er zog den Charakter der angeſehenſten Schriftſteller, die in den letzten hundert Jahren geſtorben ſind, auf's Neue vor ſeinen Richterſtuhl und nahm bei dieſer Reviſion nicht die geringſte Rückſicht auf ihren erworbenen Nachruhm. Milton war holprigt und proſaiſch, Dryden ein matter Wortmacher, Butler und Swift ermangelten allen Humors, Congreve hatte kein Fünkchen von Witz, und Pope fehlte es an allem und jedem poetiſchen Verdienſte. Ueber ſeine Zeit⸗ genoſſen vollends konnte er durchaus kein günſtiges Urtheil an⸗ hören. Das waren alle Dummköpfe, Pedanten, Abſchreiber, Quackſalber und Betrüger; man mochte ein Stück nennen, welches man wollte, es war platt, dumm und abgeſchmackt. Man muß geſtehen, dieſer Schriftſteller iſt wenigſtens vom Vorwurf der Schmeichelei freizuſprechen, denn, wie ich höre, hat er in ſeinem Leben noch nie eine Zeile gelobt, auch wenn ſie vön ſeinem beſten Freunde kam. Dieſe anmaßende Aufgeblaſenheit, Schriftſteller herabzuſetzen, für deren Ruhm ſich die ganze Geſellſchaft intereſ⸗ ſirt, iſt eine ſolche Beleidigung gegen den Verſtand daß ich unmöglich geduldig zuhören konnte.
Ich fragte ihn um ſeine Gründe, Werke zu verachten, die mir ungemeines Vergnügen gemacht haben, und da er eben nicht viel dialektiſche Schärfe zu beſitzen ſchien, ſo gab ich ihm mit vieler Freimüthigkeit zu erkennen, daß ich anderer Meinung ſey als er. Verwöhnt durch die Nachgiebigkeit und Demuth ſei⸗ ner gewöhnlichen Zuhörer, konnte er einen Widerſpruch nicht mit Gelaſſenheit ertragen, und vielleicht wäre das Männchen hitzig geworden, wäre nicht auf einmal ein Bruder in Apoll dazu ge⸗ kommen, bei deſſen Erſcheinung er jedesmal das Feld räumt. Dieſe zwei Nebenbuhler gehören verſchiedenen Cliquen an und leben ſchon ſeit zwanzig Jahren in offener Fehde. War der Erſte dogmatiſch, ſo war Dieſer ein declamatoriſches Genie; er ſprach


