Zweites Kapitel. Miß Wabel Herbert.
Zwei Perſonen ſaßen in der Bibliothek des Her⸗ renhauſes zu Crowshall, eine Dame und ein Mann, beide ungefähr von demſelben Alter, dreißig oder einunddreißig Jahre. Die Dame war die ältere Schweſter des Baronets, dem man auf den Tod wartete.
Mabel Herbert mußte in ihrer Jugend ſehr ſchön geweſen ſein. Sie war es noch, wenn man will. Aber ihre Züge trugen den Ausdruck der Ermattung, den man ſo oft bei ſolchen bemerkt, deren Herz ſeine Friſche verloren hat, oder an denen irgend eine ge⸗ heime Sorge nagt. Ihre Stirne war weiß und glatt wie pariſcher Marmor, aber ſie hatte auch die Schwer⸗ fälligkeit des Marmors, das Gewicht der Gedanken; und ihre ſchwarzen, glänzenden Augen zeigten das unruhige und ermüdete Air einer Perſon, die ge⸗ wacht hat.
Es war nichts Studirtes in ihrer Attitude. Sie ſaß oder lag vielmehr halb, den Kopf auf die„ zarte Hand geſtützt, in einem antiken Fauteuil von Eichenholz mit hoher Rücklehne, deſſen karmoiſinrothe Sammtkiſſen mit ihrem einfachen, weißen und doch ſo graciöſen Gewande contraſtirten. Wäre ſie einem Maler geſeſſen, es würde für ihn ſchwer geweſen ſein, eine pittoreskere Attitude zu wählen.
Der Mann, welcher mit ihr redete, hatte ein viel weniger ariſtokratiſches Ausſehen, Er war als Gent⸗


