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Anmerkungen zum ſechſten Bande.
Titus Andronikus.
Die meiſten Ausleger des Dichters haben ihm dieſe Tragodie abſprechen wollen. Ihre Gruͤnde koͤnnen aber vor der ächten Kritik kein Gewicht haben, da das Zeugniß der Zeitgenoſſen und die Herausgeber der Folio-Ausgabe diefes Schauſpiel dem Shak⸗ ſpear beilegen. Wenn eine mißverſtandene Verehrung des gro⸗ ßen Dichters ihm dieſes ſeltſame Werk deswegen abſprechen will, weil es durchaus ſchlecht und ſeiner unwuͤrdig ſey, ſo ließe ſich auch, wenn dieſe Anmerkungen Abhandlungen werden ſollten, vieles eroͤrtern und in das gehoͤrige Licht ſtellen. Daß es eine fruͤhe Jugendarbeit des Dichters ſeyn muß, faͤllt auch dem unkri⸗ tiſchen Leſer in's Auge. Es ruͤhrt aus einer Zeit her, in wel⸗ cher die engliche Buͤhne noch ſehr blutig war, und gehaͤufte Mordthaten die Zuſchauer nicht erſchreckten.
Wenn Sh. der Erfinder dieſer Tragoͤdie war(wie es denn die groͤßte Wahrſcheinlichkeit hat), ſo dichtete er ſie wohl ſchon um 1590; 1592 ward ſie oͤfter geſpielt, und 1600, in der Hoͤhe ſeiner Kunſt und Anerkennung, gab er ihr die Geſtalt, in wel⸗ cher wir ſie jetzt beſitzen.
(S. Vorrede zum Erſten Bande des Deutſchen Theaters, v. Fiech⸗ 1817, p. XXVII. wo ich auch uͤber Titus Andronikus preche.)
Der Ueberſetzer hat ſich bemuͤht, das Alterthuͤmliche des Tons nachzuahmen und deshalb meiſt, wie dieſe Weiſe auch im Original vorherrſcht, den Vers maͤnnlich geendigt.
S. 22. Dieſe Schilderung des Waldes im Munde der Kai⸗ ſerin, wird von M. Maſon als ſchoͤn und des großen Dichters nicht unwuͤrdig, anerkannt. Vortrefflich iſt es, wie ſie(p. 24.) denſelben Wald als erſchrecklich darſtellt.
S. 40. Dieſe zweite Scene fehlt in der Quart-Ausgabe. Sie hat ganz das Gepraͤge eines ſpaͤtern Zuſatzes bei der dritten Umarbeitung des Schauſpiels. Die Editoren, welche ſie verſpot⸗ ten, moͤgen es mit dem Dichter ausmachen. Wer ſich nicht will⸗ kuͤhrlich vom Gegenſtande abwendet, kann ihre Schoͤnheit nicht verkennen. Iſt das Stuͤck um 1590 zuerſt gedichtet, ſo wurde es vielleicht 1595 umgearbeitet und 1600 noch einiges hinzugefügt.
S. 70. Marc. Roms Kaiſer und du, Jeffe, brecht
nun ab— Rome's emperor, and nephew, break the parle— break the parley, oder parle, wie hier, heißt oft eine Unter⸗


