6 Titus Andronicus. A. I.
Hier goͤnnt der Goth' erſt Ruhe meinem Schwerdt. Titus, unliebend, ſorglos fuͤr dein Blut, Was duldſt du, daß noch grablos dein Geſchlecht Umſchweben muß des Styr graunvollen Strand? Geh, bette ſie bei ihren Bruͤdern hin!—
Das Grab wird geöffnet.) Dort gruͤßt Euch ſchweigend, wie's der Todten Brauch; Schlaft friedlich, die Ihr ſtarbt fuͤrs Vaterland!— O meiner Kinder heiliges Gewoͤlb, Geliebtes Wohnhaus echten Edelſinns, Wie manchen Sohn haſt du mir ſchon entrafft, Und haͤltſt ihn ewig hier in finſtrer Haft!—
Luc. Gieb der gefangnen Gothen ſtolzeſten, Daß wir, die Glieder ſtuͤmmelnd, ſeinen Leib Ad manes fratrum opfern in der Glut, 36 Vor dieſem ird'ſchen Kerker ihres Staubs!—
Auf daß nicht ungeſuͤhnt ihr Schatten ſey, Noch uns bedraͤu' auf Erden ihr Geſpenſt!
Tit. Ich geb' ihn Euch, der Feinde trefflichſten; Den Erſtgebornen dieſer Koͤnigin.—
Tam. Halt, rom'ſche Bruͤder! Gnadenreicher Held, Siegreicher Titus, ſieh die Thraͤnenfluth Die einer Mutter Gram dem Sohne weint!
Und liebteſt du jemals die Soͤhne dein,
Ach denk, was muß ein Sohn der Mutter ſebü Genuͤgt dir's nicht, daß man nach Rom uns fuͤhrte, Als deines Einzugs und Triumphes Schmuck, Gefangne dir, und deinem Noͤmer⸗Joch?
Mußt du den Sohn noch ſchlachten auf dem Markt, Weil er fuͤrs Vaterland mit Muth gekaͤmpft?
O, duͤnkt der Streit fuͤr Koͤnig und fuͤr Volk
Euch fromme Pflicht, ſo iſt er's dieſem auch;
Titus, beflecke nicht dein Grab mit Blut;
Und willſt dn der Natur der Goͤtter nah'n, Nah' ihnen denn, indem du Gnade uͤbſt, Denn gnaͤdig ſeyn giebt echten Adel kund. O ſchone, Titus, meinen aͤltſten Sohn!—
Tit. Ergieb dich, Fuͤrſtin, faß dich in Geduld.— Hier ſtehn die Bruͤder derer, die dein Volk Lebend und todt ſah: den Erſchlagenen heiſcht Ein Todtenopfer frommes Pflichtgefuͤhl;
Dem iſt dein Sohn beſtimmt: ſein Tod verſoͤhnt Der heimgegangnen Schatten Klageruf.
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