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terin und ärgerte sich, daß Lilly so wenig Freude an den Tag legte.
,, Und Du dankst der gütigen Dame nicht für ihr schönes Geschenk?" fragte sie.
,, Ich habe ihr schon gedankt."
,, Das habe ich nicht gehört."
,, Ich dankte ihr, wie ich vor langer Zeit meiner Mama dankte, wenn sie mir ein neues Kleid gab, oder frische Blumen brachte, oder mir vorsang. Ich dankte ihr mit einem Kuß."
,, Und gab Dir Deine Mama oft Kleider?"
,, Sehr oft, wenn ich gut war und meine Aufgaben gelernt hatte."
Und was lerntest Du?"
Lillian deutete auf das offenstehende Pianoforte. In dem Umstand, daß ein gemeiner Soldat sein junges Kind Klavierspielen lernen ließ, lag etwas so Außerordentliches, daß Lady Bell zu argwöhnen be gann, Rosa habe ihr in Beziehung auf die wirkliche Geschichte und Herkunft der Kleinen etwas aufge= bunden. Sie wollte auch ihrem Zweifel gegen sie Ausdruck geben, sah aber jetzt ihrem Gesicht an, daß die gute Frau eben so, wo nicht noch mehr erstaunt war, wie sie selbst.
" Du kannst also spielen?" sagte sie zu ihrem Schüßling.
Lillian lächelte, ging auf das Instrument zu und spielte eines von Cruvelli's Anfangsstücken, allerdings nicht ohne einige Schwierigkeit, da wohl zwei Jahre verflossen sein mochten, seit sie keine Taste mehr berührt hatte. Ihre Wohlthäterin vermuthete Anfangs, sie spiele nach dem Gehör; als sie ihr aber über die


