98 das menſchliche Elend in einem ſolchen Umfange der Geſchichte bis jetzt fremd war. Auf dieſem ſchreck⸗ lichen Ruͤckzuge war die franzoͤſiſche Armee ſeit ihrem Uebergange uͤber die Berezina durch einen Nachſchub von zwanzigtauſend Rekruten wieder bis auf achtzig⸗ tauſend Mann gebracht worden; von dieſen achtzig⸗ tauſend Mann nun iſt die Haͤlfte zwiſchen der Bere⸗ zina und der Stadt Wilna zu Grund gegangen.
In ſolchem Zuſtande kam die Armee nach Wil⸗ ua, wo große Vorraͤthe fuͤr ſie aufgehaͤuft lagen. Die
Magazine waren uͤberfuͤllt, aber, wie in Smolensk, ſo wagten es auch hier die Verpflegsbeamten nicht, dieſen ausgetretenen Soldaten und Fluͤchtlingen, die ſich durch nichts ausweiſen und darum auch keinen guͤltigen Empfangſchein ausſtellen konnten, Lebeus⸗ mittel auszutheilen. Dieſe ungluͤcklichen Menſchen fielen vor den Magazinen auf der Straße nieder und ſtarben, die uͤbel angebrachte Foͤrmlichkeit verwuͤn⸗ ſchend, wodurch ausgehungerten Menſchen der Biſſen verweigert wurde, der ihnen das Leben haͤtte retten koͤnnen. In andern Gegenden der Stadt wurden ſo⸗ wohl Proviant⸗ als Getraͤnkmagazine von den ver⸗ zweifelten Soldaten geſtuͤrmt, erbrochen, gepluͤndert und verdorben. Viele betranken ſich und ſtarben auf der Straße im Rauſche. Die Kranken, die in die Spitaͤler kamen, fanden dieſe gedraͤngt voll von Ster⸗ benden wie von Todten; in den Hoͤfen, in den Gaͤn⸗ gen, ſelbſt in den Saͤlen der noch lebenden Kranken


