2
Hedwig's.„Biſt ja kein Kind mehr, das ſich ſtehlen läßt!“ fügte ſie lächelnd hinzu.
Hedwig legte ihre Nähterei nieder und ging hin⸗ unter, aber mit einem ſeltſamen Herzpochen, halb vor Furcht, halb vor Neugier. Die Bläſſe des Kummers, welche ſie in den jüngſten Tagen etwas entſtellt hatte, war auf Augenblicke einer fliegenden Röthe gewichen; das ſchwarze Kleidchen von grobem Orleans zeichnete die hübſchen feinen Formen harmoniſch ab, als ſie unter die von der darüberhängenden Gaslaterne hell beleuchtete Hausthüre trat, unter welcher eine ver⸗ ſchleierte Frau in einem weiten, pelzbeſetzten aber etwas verſchoſſenen Mantel ſtand.
„Guten Abend, Madame! Sie wollen mich ſpre⸗ chen?“ Damit näherte ſie ſich etwas befangen der Frem⸗ den, welche das verſchleierte Geſicht vom Lichte abge⸗ wandt hielt.
„Guten Abend, liebe Hedwig! Ei, wie groß und ſtattlich Du geworden biſt, Kätzchen!“ ſagte eine ge⸗ dämpfte Stimme, deren Ton das Mädchen mit einem leiſen Schauer durchbebte, und eine derbe Hand in einem zerriſſenen Glacéhandſchuh erfaßte Hedwig's Hand⸗ gelenk mit einer Kraft, daß ihre vielen Fingerringe ſich auf Hedwig's Arm abdrückten.„Haſt Du mich denn ſchon vergeſſen?“


