206
Käthchen und ſchloß Hedwig mit einer faſt mütterlichen Zärtlichkeit in die Arme und küßte ihr die Thränen aus den Augen.„Dir hat nichts gefehlt, als ein bischen Liebe, um alle Deine guten Eigenſchaften zu entwickeln. Mein liebes armes Herz, das Schickſal hat Dir furchtbar hart mitgeſpielt, aber ich hoffe, Deine böſen Tage ſind nun vprüber, denn wir verlaſſen Dich nicht mehr, ſo langs Du gut und brav bleibſt, nicht wahr, Schweſtern?“
„Gewiß“, erwiderte Julie und küßte ebenfalls die arme Waiſe;„wie es auch kommen möge, Hedwig, ein Obdach in unſerem Hauſe iſt Dir immer gewiß, denn wir ſind Dir recht gut.“
„Und ich werde es mir angelegen ſein laſſen, mein liebes Kind, Dich in den Stand zu ſetzen, daß Du Dich durch Deine fleißige geſchickte Hand anſtändig und unab⸗ hängig fortbringen kannſt“, fügte Marie hinzu.
„Komm her, liebe Hedwig“, ſagte nun auch Frau Valentin und breitete ihr weinend die Arme entgegen, „ich kann Dir nichts geben, als meinen Segen und meine Liebe, aber dieſe gebe ich Dir mit dem vollſten Herzen, wenn ich an meine drei Söhne denke, die jetzt auch ſo einſam draußen ſtehen in der Welt!“
„Ich werde für ſie beten und für Sie alle“, ent⸗ gegnete Hedwig, vor dem Rollſtuhle auf die Kniee nieder⸗
——


