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Jetzt, wo Erland zum Leben und zur Hoffnung auf Gegenliebe zurückkehrte, dachte er über ſein Be⸗ nehmen gegen den Bruder nach, und konnte, ſo gern auch ſeine Eigenliebe daſſelbe entſchuldigen wollte, doch nicht anders als ſeine Zurückhaltung gegen den Bruder mißbilligen, welcher in Allem ſo redlich und aufrichtig gegen ihn gehandelt.
Es lag aber gerade in dem Bewußtſein, daß Harald eine Zuneigung zu Calla hegte, die in Liebe übergegangen war, Etwas, daß dem verſchloſſenen und ſcheuen Erland es zuwider machte, ſeiner Liebe und der Hoffnung zu erwähnen, welche Calla's Anweſen⸗ heit bei ſeinem Krankenbett ihm einflößte; eine Hoff⸗ nung, welche auf den Ruinen von Haralds Erwar⸗ tungen ruhte. Erland wußte, daß jedes Wort den Bruder verletzen würde, und doch hatte er ihn lange genug betrogen.
So ungefähr war Erlands Gedankengang, als er dort lag und Harald betrachtete.
Eine ganze Stunde war verfloſſen, während wel⸗ cher nur das Kritzeln von Haralds Feder die Stille unterbrach. Endlich ſagte Erland:
— Biſt Du jüngſt in Kollinge geweſen?
— Nur einmal, ſeit Du krank wurdeſt,— ant⸗ wortete Harald und fuhr fort zu ſchreiben.
— Wann war das?
— Denſelben Tag, an welchem ich erfuhr, daß Du krank geworden.— Ich bat damals Calla, als den beſten Arzt für Dich, mich nach Deinem Kran⸗ kenlager zu begleiten.
Bei dieſen Worten blickte Harald auf und legte
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