Jahrgang 
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wagen, zogen ſie ſich noch weiter zurück, als jetzt der alte Hofkanzler Zibet hereintrat und ſich ſeinem unſeligen Herrn näherte.

Schweigend, doch mit wankenden Schritten, ging er durch die Reihe der jungen übermüthigen Soldaten, die ihn hohnvoll empfingen.

Seht die alte Katze, wie ſie ihr Junges ſucht! rief Einer laut genug.

Einen Strick für Beide! antwortete ein Anderer, aber das verwit⸗ terte Geſicht des Hofkanzlers hatte keine Regung, weder für Schmerz noch für Zorn. Seine grauen kalten Augen richteten ſich auf den lei⸗ denden König und ſein verſteinter Kopf ſah ganz ſo aus, wie wenn er Morgens kam, um ſeinen Vortrag zu halten. Der ſchwarze Anzug, das große weiße Jabot, die Schnallenſchuhe und ſeine dick gepuderte Perrücke waren ſo ſauber und in beſter Ordnung, wie immer. Er machte ſeine ſteife gravitätiſche Verbeugung, als käme er zu der ge⸗ wöhnlichen Audienz, und ſagte mit derſelben knarrenden unbiegſamen Stimme, was er jeden Morgen ſagte, wenn er bei dem Könige ein⸗ trat: Wie befinden ſich Eure Majeſtät?

O, Zibet! rief der König aus tiefer Bruſt. Es geht ſchlecht! Ver⸗ ſchafft mir ein Glas Waſſer!. Steht mir bei!

Der Hofkanzler holte Waſſer und unterſtützte ſeinen Herrn mit Otho's Hilfe, daß er ſich aufrichtete, ein wenig trank und leichter athmete.

Zibet! was iſt mit mir geſchehen? murmelte der König mit wil⸗ den Blicken, als glaube er furchtbar zu träumen.

Was Gott über Ew. Majeſtät verhängt hat, antwortete der greiſe Staatsmann.

Ein Verbrechen! Entſetzlich!

Verbrechen werden beſtraft, ſo hier wie dort! ſagte Zibet.

Aber wir, wir, Freiherr Zibet!

Wir unterwerfen uns dem Willen des Allmächtigen und ſtehen ihm Rede.

Das werde ich, ja, das kann ich! erwiederte der König mit Faſ⸗ ſung. Aber o! meine arme Frau! meine Kinder! Und was iſt aus meinem Oheim geworden? Was haben dieſe Menſchen mit ihm ge⸗ macht? Was ſoll aus uns werden? Wie ſoll dies enden?!