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Lichte geſehen, erſchien ihr ſogar der junge Eſſling minder verächtlich, weil er wenigſtens den Muth hatte, offen mit ſeinen Laſtern und Fehlern aufzutreten. Er war kein Heuchler und machte aus ſeinen Geſinnungen kein Hehl. Das imponirte ihr, wie den Frauen immer der Muth gefällt, ſelbſt wenn ſie ihn bei einem Verbrecher finden. Auch gegen ſeine äußere Erſcheinung hatte ſie nichts ein⸗ zuwenden, ſein blaſirtes Geſicht verlieh ihm einen inter⸗ eſſanten Ausdruck, auch verſtand er es ſich vortheilhaft zu kleiden; ſeine Toilette war die feinſte, höchſt geſucht, ohne lächerlich und auffallend zu ſein. Derartige Betrachtungen ſtellte jetzt Antonie im Stillen an und nach und nach ver⸗ lor der Gedanke, den jungen Eſſling zu empfangen, das Empörende und Widrige, was er für ſie im erſten Augen⸗ blicke gehabt hatte. Sie wollte ihn wenigſtens ſehen und kennen lernen; damit vergab ſie ſich noch nichts und war auch zu nichts verbunden. Sie behielt ja noch immer ihren freien Willen, den ihr der Vater auch zugeſichert hatte. Der letzte Reſt ihrer Abneigung wurde noch durch das Zureden der Mutter beſeitigt. Madame Brandeis war eine kluge Frau und wußte am beſten, ein junges Mädchen in ähnlichen Verhältniſſen zu behandeln; ſie drohte und ſchalt nicht, ſondern redete ausſchließlich zu dem Verſtande ihrer Tochter. Sie ließ dem Aſſeſſor die vollſte Gerech⸗ tigkeit wiederfahren, aber indem ſie dies that, zeigte ſie 4
1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I.


