Teil eines Werkes 
3. Band (1852) An der Börse : eine Stadtgeschichte / von Max Ring
Entstehung
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Liebe zu dem Manne ihrer Wahl abtrüͤnnig gewor⸗ den, aber ſie blieb treu dem Geſetz der Tugend und Moral. O! Sie iſt beſſer und frömmer als wir, die wir uns Juden nennen. Sie hat die wahre Religion, denn ihr Glaube iſt die Liebe, welche ſeelig macht.

Ja, ja! murmelte der Leidende. Sie war immer gut und hat ganz wie die ſeelige Mut⸗ ter ausgeſehn, dieſelben Augen, ihre Augen.

Und der Sterbende blickte zu dem Bilde em⸗ por, welches über ſeinem Stuhle hing, und ſuchte das Auge der Mutter zu erſpähn.

Lazarus! rief er mit einiger Anſtren⸗ gung, ich möchte nicht gern aus dieſer Welt gehen, ohne dieſe Augen noch einmal geſehen zu haben. Glauben Sie, daß ſie kommen und verge⸗ ben wird?

Sie kam und vergab.

Eine bleiche Frau trat an der Hand des Mak⸗ lers und in Begleitung ihres Sohnes in das Ster⸗ bezimmer. Sie hatte das Leid und Unrecht längſt verziehn, welches die harten Brüder ihr und ihrem Gatten zugefügt. Nun ſchwankte ſie näher und

beugte ihr mildes Geſicht auf das Lager des Schei⸗ Ring, Stadtgeſchichten. III. 16