ſelbſt der Klügſte wird oft überraſcht und mit all ſeiner Weisheit zu Schanden. Das launenhafte Glück ſpottet jeder Berechnung, und der Kröſus von geſtern ſchleicht heut als Bettler umher. Dieſer plötzliche Umſchlag des Geſchicks hat die Börſe tolerant und human gemacht. Der Un⸗ terſchied der Religion iſt ſchon längſt geſchwunden, Chriſt und Jude ſind ja Mitglieder derſelben freien Gemeinde und verehren einen Gott. Der Kredit erſetzt den Glauben, und wer Kredit hat, wird ſchon hinieden ſeelig. Aus demſelben Grunde ſtammt eine Humanität, welche wirklich rührend iſt. Nir⸗ gend als an der Börſe findet man wahreres In⸗ tereſſe und eine innigere Freundſchaft. Keine Mut⸗ ter kann ſich mehr um das Wohlergehn ihres ein⸗ zigen Kindes kümmern, als die Mitglieder dieſer Geſellſchaft um einander beſorgt ſind.„Was macht Herr Meyer? wie ſteht Herr Wolf? wie geht es Herrn Hirſch?“ hört man täglich und ſtündlich fragen. Ja, die Theilnahme geht ſo weit, daß das Mißgeſchick, welches den Einen der Genannten trifft, oft dem Andern heiße Thränen entpreßt. Die po⸗ litiſche Verfaſſung der Börſe iſt entſchieden ochlo⸗ kratiſch. Die Herrſchaft befindet ſich in den Hän⸗
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3. Band (1852) An der Börse : eine Stadtgeschichte / von Max Ring
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