Teil eines Werkes 
1. Band (1852) Christkind-Agnes : eine Stadtgeschichte / von Max Ring
Entstehung
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mit ihren Thränen, und wenn der Alte nicht zu⸗ gegen war, dann entwand ſich mancher ſchwere Seufzer der gepreßten Bruſt. Sie trippelte nicht mehr mit der ehemaligen Behändigkeit von Ort zu Ort, aus der Stube in den Laden, aus dem Laden in die Küche, ſondern ſchlich und wankte nur wie ein abgeſtorbener Geiſt. Auch der Wiſch⸗ lappen hatte Ruhe in ihrer Hand, und wenn die Scheuerfrau nicht ihr Amt beſſer verſehen hätte, ſo wäre dem Staub, der ſich anſammelte, nimmer⸗ mehr ſein Recht geſchehen und die Spinnenweben hätten von der Decke bis zum Boden die Keller⸗ wände mit ihren grauen Tapeten unverwehrt be⸗ kleiden können, Mit dem Eſſen ging es auch nicht mehr wie früher. Oft war die Suppe ange⸗ brannt und das Gemüſe ohne Salz und Schmalz, obgleich Frau Hintze ſonſt die beſte Köchin und ſtolz auf ihre Kochkunſt war.

Der Alte merkte von der Alten nichts, oder wollte nichts bemerken, denn er war ein eigen⸗ ſinniger, feſter Mann, der nicht von ſeinem Willen abging. Freilich, wenn er die arme Frau in Thränen überraſchte oder einen Seufzer hörte, den ſie unwillkürlich, trotz ſeiner Anweſenheit, ausſtieß,

Ring, Stadtgeſchichten. I. 18