Teil eines Werkes 
1. Band (1852) Christkind-Agnes : eine Stadtgeschichte / von Max Ring
Entstehung
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und dabei verfängliche Reden führte, die ſte zum Glücke nicht verſtand.

Die Tochter der Armuth iſt leicht der Ver⸗ führung ausgeſetzt. Ungehutet eilt ſie bei Tag und Nacht ihrer Arbeit nach. Der Verſucher tritt oft in lockender Geſtalt heran und zeigt dem ſchwachen Opfer die Herrlichkeit der Welt. Agnes war dem Geſchicke bisher entgangen. Sie ſchien ja noch ein halbes Kind und konnte in ihrer dürf⸗ tigen Geſtalt kaum die Vampyre der Unſchuld reizen. Hoch und ſchlank war ſie ſeit kurzer Zeit emporgewachſen, aber ihre Formen blieben jung⸗ fräulich herb und unentwickelt. Ihr bleiches Geſicht, auf dem ein ſüdlich goldener Schimmer lag, war zu fein und zart, um das rohere Auge zu befrie⸗ digen. Um die ſchmale Stirn lagerte ſich kunſtlos das gewellte, bläulich ſchwarze Haar. Die dunklen Augenbrauen, welche ſich an der zarten Naſenwurzel faſt vereinten, verliehen ihr einen Ausdruck von ſtren⸗ gem Ernſte, der nicht zu den kindlichen Formen paſſen wollte. Zwiſchen den langen, ſeidenweichen Wimpern ſchimmerten dagegen die ſanften Tauben⸗ augen mit mildem Glanz. Wenn ſie dieſelben verwundert oder fragend öffnete, wurden ihre Züge

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