Teil eines Werkes 
3. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

im Stillen hier ein ungewöhnliches Schickſal ahnen und blickte daher voll Mitleid auf das unbekannte Unglück.

In jedem wahren Schmerz liegt auch für den Frem⸗ den etwas Heiliges, darum wurde auch Martha von allen Seiten mit einer zuvorkommenden Freundlichkeit während des ferneren Verlaufes ihrer Reiſe behandelt. Beſonders war es ein ältlicher Herr mit einem ehrwür⸗ digen und Vertrauen einflößenden Geſicht, der ohne jede Zudringlichkeit ſich ihr zu nähern und ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen ſuchte. Sein feines, zartes Benehmen, die ungeſuchte Sorgfalt, die er für ihre kleinen Bebürfniſſe trug, die wahre Theilnahme, fern von jeder gemeinen Neugierde, gewannen nach und nach ihr Herz, ſo daß ſie ihre bisher beobachtete Zurückhaltung allmälig ſchwinden ließ. In ſeinem ganzen Weſen lag eine ſeltene Güte und Liebenswürdigkeit, der ſie nicht zu widerſtehen vermochte. Dieſe ſchnelle Sympathie, von der ſie ſelbſt überraſcht wurde, beruhte wohl zum großen Theil auf einem ſtillen Schmerz, der ſich auch in ſeiner Phyſiognomie verrieth. Das Unglück wird vom Unglück angezogen, und nichts nähert ſo den Menſchen ſeinem Nebenmenſchen, als ein gleiches trauriges Geſchick. Zwiſchen den Leidenden aller Klaſſen und Stände beſteht ein geheimer Band, eine Art Freimaurerei, woran ſie ſich erkennen. Ein Blick aus den verweinten Augen, ein Seufzer, eine Klage aus der un⸗