204
Fräulein Schenkel genoß ihren Triumph nur kurze Zeit; bei ihrem nächſten Auftreten erhielt ſie ſtatt des ge⸗ hofften Beifalls ſo deutliche Zeichen des allgemeinen Un⸗ willens, daß ſie darüber in Krämpfe verfiel und von der Bühne fortgetragen werden mußte. Demungeachtet war Martha für die erlittene Schmach nicht getröſtet; die Wunde blutete fort und fort; ſie hatte die Schäden und Gebrechen ihres Standes, die Demoraliſation ihrer mei⸗ ſten Collegen, die Unzuverläſſigkeit des Publikums und die ganze moraliſche Verſunkenheit der heutigen Bühne zu genau kennen gelernt, um ſich ferner eine Illuſion dar⸗ über zu machen.
Am liebſten hätte ſie das Theater ſogleich verlaſſen, aber ſie fühlte ſich durch Ferdinand noch immer unauflös⸗ lich gebunden, da ſie ſich ſelber gelobt hatte, unter allen Verhältniſſen bei ihm auszuharren. Seinem ſchwachen Charakter gemäß hatte er nach jenem Vorfalle bei der Aufführung der Jungfrau Martha aufrichtig beklagt und im erſten Anlauf eines beſſeren Gefühls von ihren Feinden Rechenſchaft zu fordern beſchloſſen. Nur mit Mühe konnte ſie ihn zurückhalten, den Rittmeiſter und Fräu⸗ lein Schenkel öffentlich zur Rede zu ſtellen. In ihrer Reſignation und Verlaſſenheit legte ſie auf ſeine Theil⸗ nahme mehr Gewicht, als dieſe verdiente, und ſchloß ſich darum feſter an ihn an. Die Furcht durch Martha's Ab⸗


