Teil eines Werkes 
1. Band (1859)
Entstehung
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Reinheit, ſelbſt in unſerer materiellen Gegenwart, hie und da in ſtiller Abgeſchiedenheit ſich entfaltet.

Sobald ſie das gehörige Alter erreicht hatte, trat ſie mit Bewilligung ihrer gleichgeſinnten Eltern in eine am Rhein gelegene Diakoniſſinnen⸗Anſtalt, von wo ſie im Verlaufe der Zeit nach dem neu begründeten Krankenhauſe in der Hauptſtadt überſiedelte. Unterdeß war ihr Vater mit Hinterlaſſung eines kleinen Vermögens geſtorben, auf das ſie freiwillig zu Gunſten ihrer übrigen Geſchwiſter verzichtete, da ſie in der feſten Ueberzeugung lebte, ihr Daſein in dem einmal erwählten Wirkungskreiſe zu be⸗ ſchließen.

Bis zu dieſem Augenblicke hatte kein innerer Kampf, keine leidenſchaftliche Regung den Spiegel dieſer reinen Seele getrübt. Der innere Friede, der in ihrem Herzen wohnte, war in ihren ſanften, ruhigen Zügen, in den blauen Taubenaugen zu leſen, die mehr nach Innen als auf die Außenwelt gerichtet, in ſtiller Verklärung leuchte⸗ ten. Sie war ein Muſter von Aufopferungsfähigkeit, Hingebung und Geduld, die durch keine noch ſo ſchwere Probe erſchüttert werden konnte. Die kluge Oberin wußte dieſe Eigenſchaften gebührend zu würdigen, und zog des⸗ halb Getrud gern in ihre Nähe, da dieſe außerdem die dugend der Verſchwiegenheit in einem hohen Grade

eſaß.

1859. XXI. Eine arme Seele. I. 3