198
„Er mißt ſich inzwiſchen kein ſo großes Recht auf Ihre Dankbarkeit bei,“ fuhr Jespersſon fort,„weil Niemand Ihnen ein ſo großes Leid zugefügt hat, wie er.“
„Sie täuſchen ſich, Herr Doktor; er hat mir und meinen Kindern nie etwas anderes als Gutes zuge⸗ fügt.“
3 Angſtſchweiß tropfte von Jespersſons Stirue.
„Sagen Sie das nicht, Madame,“ verſetzte er; „Sie kennen ihn nicht.“
„Ich kenne ihn aus ſeinen Handlungen, und dieſe zeugen von dem edelſten Herzen, vom reinſten Charakter, von der uneigennützigſten Freundſchaft.“
„Und gleichwohl...
„Und gleichwohl... ſagen Sie?“
Jespersſon ſuchte nach Worten, ſchien aber keine zu finden. Mit einem Lächeln trat Horner vor.
„Ja, Madame, und gleichwohl...“ ſagte er,
...„gleichwohl hat er Ihren Mann getödtet.“
„Was ſagen Sie, Baron? Meinen Mann getödtet ... wie... ich verſtehe nicht.“
Ihre Blicke irrten zwiſchen Horner und Jespersſon. Sie ſchien den Sinn dieſer Worte nicht begreifen zu können.
Aber Hermann kam ihr zu Hilfe.
„Mutter, Mntter!“ rief er.„Verſtehen Sie nicht? Jespersſon iſt es, der... der...4
Hermann hielt hier inne, da er die heftige Bewe⸗ gung bemerkte, die ſich bei ſeiner Mutter kund gab.
Es war Kummer und Freude, Erinnerung und Hoffnung, Liebe und Bewunderung, was ſich in dieſem Augenblick in ihrer Seele durchkreuzte.
Im erſten Moment ſanken ihre Gedanken in das Reich der Erinnerung zurück, aber im nächſten Augen⸗ blick leuchtete ihre Stirn und ſie trat einen Schritt auf Jespersſon zu.


