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Die Peinzeſſin, welche die Verſtimmtheit des Fräu⸗ leins bemerkte, wollte aus Freundſchaft und Theilnahme das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand leiten.
— Du verließeſt Marfa in Warſchau und jetzt iſt ſie hier bei Strelna. Wann ſahſt Du ſie wieder?
— Nachdem man mich aus Warſchau hierher ge⸗ bracht hatte, hörte ich mehrere Monate nichts von den Meinigen. Wir waren aleichſam todt für einander. Ew. Hoheit wiſſen, daß Marfa's Name erſt im Verlauf eines Jahres in Petersburg und der Umgegend beruhmt geworden iſt. Auch ſch hörte lange von der weiſen und heiligen Frau bei Strelna ſprechen, ohne daß ich wußte, wer ſte war. Aber zu Anfang dieſes Jahrs erhielt ich einen Brief, worin ich aufgefordert wurde, mich in Strelna einzufinden.
— Und Du fandeſt Dich ein?
— Ich benutzte eine Gelegenheit, wo Ew. Hoheit auf Beſuch bei Ihren hohen Eltern in Gatſchina wa⸗ ren, und reiste hin.
— Und Du erkannteſt ſie ſogleich wieder?
— Sogleich. Sie gab mir die letzten Nachrichten von dem Schickſal der Meinigen.
— Aber da kommt mir ein Gedanke, Willanow. Wenn Orlow wirklich die Urſache ſo vielen und großen Unglucks geweſen wäre, ſo müßte doch ſein Gewiſſen ihm geſchlagen haben, nicht bloß, als er das ſchauerliche Schickſal ſah, das er über Deinen Vater gebracht hat, ſondern auch noch mehr, als er Deinen Bruder todt vor ſeinen Fußen fand.
— Mein Bruder hatte in ſeiner Todesſtunde ſein Geſicht vor mir verborgen, und er verbarg es auch vor Orlow. Gewiſſen? Selbſt der Tod hat nichts Zermal⸗ mendes für den Gewiſſenloſen. 4
— Orlow und Dein Bruder hatten vielleicht ein⸗ ander fruher nie geſehen?
— Nie.


