Teil eines Werkes 
1. bis 4. Bändchen (1852)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

Recht noch verdächtiger macht. Ich bin kein Polizei⸗ mann, ſondern ſpreche als ein aufrichtiger Freund zu Ihnen; aber bedenken Sie, mein Herr, daß die ruſſiſche Polizei keinen Spaß verſteht. Sie erblaſſen... was ſoll ich glauben?

Der Jüngere, der ungefähr 18 20 Jahre haben mochte, wechſelte wirklich die Farbe, als er die ruſſiſche Polizei nennen hörte, und zugleich blickte er dem Spre⸗ cher in die Augen, als wollte er darin leſen, in wie weit er Urſache habe, ihn zu fürchten oder nicht.

Der Jüngling beſaß übrigens ein einnehmendes, liebenswürdiges Ausſehen, und obſchon ſeine Taille, wie man es in dieſem Alter ſo oft findet, beinahe etwas Schlenderndes hatte und der Haltung und Feſtigkeit noch ermangelte, die erſt mit den Jahren kommt, ſo zeigte ſich doch mitunter in ſeinen Bewegungen etwas Mann⸗ haftes und Entſchloſſenes, das ihn noch weit intereſſan⸗ ter machte. Man hätte ſagen können, der Grundriß, das Skelett des Mannes ſei fertig, aber es fehle noch an der Schattirung oder Colorirung. Er war groß, beinahe ebenſo groß wie der Aeltere, aber mager, obſchon dieſe Magerkeit nichts Kränkliches hatte und nicht von ausſchweifendem Leben herrührte, ſondern vielmehr die immer zunehmende friſche Jugendkraft verrieth. die je⸗ doch von keiner Ueberfülle der äußeren Formen be⸗ ſchwert wurde. Die Wangen waren eingefallen, aber obſchon etwas ſonnenverbrannt, wechſelten ſie in Roth und Weiß mit derſelben Leichtigkeit, als wäre ſein Herz ein noch unerfahrenes, ſchüchternes Mädchenherz.

Sein Reiſegefährte dagegen war ein vollkommen ausgebildeter, kräftig gebauter Mann mit offenem, mann⸗ haftem Geſicht. Die hohe Stirne deutete auf Charakter⸗ feſtigkeit und Muth; die dunkelbraunen Augen ſtrahl⸗ ten von Verſtand und Ernſt; aber wenn man tiefer hinein blickte, ſo ſah man darin die düſtere Flamme eines melancholiſchen Feuers, jedoch nicht das freie Feuer einer ungebundenen Leidenſchaft, ſondern gemildert durch