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ihr zu ſprechen wagte. Tante Dorothee war da⸗ mals über ihre Pathin ernſtlich böſe.
„Ach!“ ſagte ſie,„die Welt hat ſich ſehr ver⸗ ändert! Sonſt waren die Frauen nicht ſo: wenn es unbeſtändige und treuloſe Herzen gab, ſo kam es nicht unter uns vor. Ach! werther Herr Theodor, wenn ich in meiner Jugend einen ſolchen Liebhaber, wie Sie, getroffen hätte, ich wäre ihm treu bis in den Tod geblieben!“
Eines Tages ſagte Theodor ſeufzend zu ihr:
„Glauben Sie, wenn mein Onkel mich nicht ent⸗ erbt hätte, Camilla würde untreu geworden ſein?“
„Nein,“ antwortete ſie offen;„ihre Seele iſt nicht gemein und eigennützig, aber ſie iſt eitel; die äußere Stellung eines Mannes verführt und ſtößt ſie ebenſo ſehr ab, als ſeine Perſon. Ohne es zu ahnen, liebte ſie in Ihnen das Hotel Fauberton.“
„Sie könnte mich alſo noch lieben, wenn ich reich wäre?“ rief Theodor.
„Das wäre nicht unmöglich, meiner Meinung nach,“ antwortete die alte Jungfrau.
Theodor erholte ſich ziemlich ſchnell; aber in dem Maße, als ſeine Geſundheit ſich beſſerte, ſchien die im Grunde ſeines Herzens blutende Wunde ſchmerz⸗ licher zu werden. Marcelle erkannte, daß er das Vermögen, deſſen ſein Oheim ihn beraubt hatte, lebhaft bedauerte. Er konnte am Hotel Fauberton nicht vorüber gehen, ohne einen Seufzer auszuſtoßen, und oft ſagte er zu dem treuen Diener, den Onkel Cäſar in ſeinem letzten Teſtament vergeſſen hatte:
„Ach!l mein armer Caſcarel, die haben ſehr Un⸗ recht, welche behaupten, Vermögen mache das Glück


