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gebetet, glaube mir, ſo heiß und andächtig, als wäre ich mit in der Kirche geweſen!“
Und überwältigt von ihrem ahnungserfüllten Herzen ſank die hohe Frau an die Bruſt des Sohnes und er an die ihre, und ſie umſchloß ihn mit aller Innigkeit mütter⸗ licher Liebe.
„Sohn! Sohn! Du trägſt die Pfalz nach Böh⸗ men!“*) rief ſie weinend.
Der Kurfürſt erwiderte nichts, ſchloß aber ſeine Mutter mit noch innigerer Umarmung ans Herz. Dann entwand er ſich ihr; nur ihre Blicke ſagten ſich noch ein ſtummes Lebewohl. Raſchen Schrittes ging Friedrich der Thür zu, nach den Zimmern ſeiner Gemahlin.
Wenige Minuten ſpäter wurde Luiſe Juliane wieder durch das Rollen der Wagen im Schloßhofe aus dem tiefen betäubenden Schmerze, in welchem ſie auf einen Seſſel am Fenſter hingeſunken war, geweckt. Bald ſah ſie den Reiſe⸗ zug ſich zur Stadt hinabbewegen; ſie verfolgte ihn unab⸗ läſſig mit den Augen, und als er ihr in den Gaſſen einige Zeit verſchwand, harrte ſie am Fenſter, bis er wieder in der langen Hauptſtraße ſichtbar wurde, ſich dann dem Neckar zuwandte, über die Brücke rollte und ſich jenſeit das Thal hinab gegen Neuenheim bewegte. Ihr Blick haftete an der langen Reihe der Wagen, bis der letzte in der Bie⸗ gung der Landſtraße um den Abhang des Berges ver⸗ ſchwand.
Friedrich wußte nicht, daß das Mutterauge ihn ſo treu begleitete. Aber ſeine Seele war ſo bei ihr wie die ihrige bei ihm; ſelbſt das freudebeſeelte, dankbar ſchmeichelnde Lä⸗
*) Hiſtoriſch. „Rellſtab, Drei Jahre. III. 1. 10


