Teil eines Werkes 
2. Band, 2. Abtheilung (1858)
Entstehung
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Achtzehntes Capitel.

Die Straßen Wiens lagen noch in nächtlich tiefer Dämme⸗ rung und Stille; es war zwei Uhr Morgens; der Himmel mit dunklem Gewölk bedeckt. Zwei Männer, dicht in ihre Mäntel gehüllt, ſchritten über den einſamen Stephansplatz. Ihre Schritte hallten weit durch die lautloſe Morgenſtille.

Hier rechts hinüber, Herr von Tharradel, ſagte der Eine und deutete mit der Hand nach der Richtung, die er meinte;da drüben in dem ſchmalen grauen Hauſe wohnt mein Herr Gevatter. Es iſt recht finſter für eine Junius⸗ nacht und zumal da der Mond am Himmel ſteht, ſetzte er hinzu.

Er iſt nahe am Untergehen, Reubner, erwiderte der Angeredete.

Man nimmt aber den bleichen Schimmer doch noch wahr an dem goldenen Knopf und Kreuz auf der Thurm⸗ ſpitze. Ich muß Euch ſagen, Herr von Tharradel, daß ich mich, ſo alt und grau ich ſelbſt bin, doch mein Lebtag nicht ſatt geſehen habe an dem alten grauen Spitzthurme! Seht nur, er deutete dabei mit der Hand nach oben,wie mächtig er aufragt; man ſollte glauben, er müßte mit der Spitze in die Wolken bohren!

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