Teil eines Werkes 
2. Band, 1. Abtheilung (1858)
Entstehung
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Erſtes Capitel.

Die dem Sinken nahe Sonne eines milden Maiabends röthete mit ihren letzten Strahlen die prächtigen Thürme und Mauern des heidelberger Schloſſes, das ſich aus dem Grün ſeiner Umgebungen leuchtend erhob. Die wal⸗ digen Höhen waren umfloſſen vom roſigen Widerſchein des Abendhimmels, der bis in den lichten Aether hinaufduftete. Der Neckar brach die von Purpurſchaum gekrönten Wellen rauſchend an den Felsſtücken in ſeinem Bette. In der Oeffnung des Thales nach dem Rhein zu lag die ganze weite Ebene in Goldrauch gehüllt; die zackigen Höhen des Hardtgebirges ſchloſſen den Horizont mit ihrer blauen Kette.

Ein Mann zu Pferd, deſſen grauer Bart hohe Jahre, ſeine ſtattliche Reiſekleidung und würdige Haltung den vornehmen Stand verrieth, und dem ein berittener Diener mit einem ſchwerbepackten Handpferde folgte, bog von der Bergſtraße her in das Thal ein, das ihn mit einem ſo reizenden land⸗ ſchaftlichen Anblick überraſchte. Es war Wenzel von Bu⸗ dowa, der, mit einem wichtigen, geheimen Auftrage, ſich der ſchönen Hauptſtadt des Kurfürſten von der Pfalz näherte. Als er an die Brücke gelangte, die aus ſtarken fichtenen Bohlen erbaut und mit ſchützenden Eisbrechern gegen die 1*