94
lichſter Aufmerkſamkeit ſorgen. Als ſich der Diener, nachdem er ſorgfaͤltig die Ueberreſte des Abendeſſens aufgehoben hatte, zuruͤckzog, lehnte ſich der alte Rit⸗ ter in ſeinen Stuhl zuruͤck, und gab ſich freudigeren Traͤumen hin, als in der letztern Zeit ſeine Einbil⸗ dungskraft belebt, bis ihnen nach und nach der Schlummer uͤberfiel. Die Tochter aber, welche es nicht wagte, ſich anders zu bewegen, als auf den Spitzen ihrer Schuhe, nahm irgend eine weibliche Handarbeit, ſetzte ſich nahe an die Seite des alten Man⸗ nes, die Finger an ihrem Werke beſchaͤftigt, waͤh⸗ rend ihre Augen von Zeit zu Zeit mit dem liebevol⸗ len Eifer, wenn auch nicht mit der wirklichen Ge⸗ walt eines Schutzengels auf dem Vater ruhten. End⸗ lich verloͤſchte die Flamme, und als die Nacht ein⸗ brach, wollte ſie Lichter bringen laſſen. Aber da ſie bedachte, welch ein ſchlechtes Lager Jocolins Hutte dargeboten hatte, ſo haͤtte ſie nicht um alles den er⸗ ſten geſunden erfriſchenden Schlaf unterbrochen, wel⸗ chen ihr Vater nach zwei Tagen und zwei Naͤchten wahrſcheinlich wieder zum erſtenmal genoß.
S ie ſelbſt hatte keinen andern Zeitvertreib, als ſich an das große Gitterfenſter zu ſetzen,(daſſelbe, durch welches bei einer fruͤheren Gelegenheit unſer Freund Wildrake Tomkims und Jocolin beim Abend⸗ eſſen erblickt hatte) als die Wolken zu beobachten, 3 welche ein leichter Wind zuweilen von der breiten Scheibe des herbſtlichen Mondes verſcheuchte, waͤh⸗ rend er ihnen dann wieder erlaubte, ſich zu haͤufen, und ſeinen Strahlenglanz zu verdunkeln. Es liegt fuͤr die Einbildungskraft, ich weiß zwar nicht warum,
irgend etwas beſonders Liebliches darin, die Koͤni⸗ 4
gin der Nacht zu betrachten, wenn ſie zwiſchen den Duͤnſten ſchwebt, welche ſie zu zertheilen nicht die Macht hat, und welche dagegen ihrer Seits außer Stande ſind, ihren Glanz zu verloͤſchen. Es iſt das deutliche Bild der leidenden Tugend, welche ruhig ihren Weg geht, bei gutem und uͤblem Ruf, da ſie


