Teil eines Werkes 
16. Band = Neue Folge, 4. Band, Erzählungen : 2. Theil (1846)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

blaue, zu ſeltſamen Geſtalten verzogene Windwolken es düſter umſchatteten. Erſt nachdem es völlig verſchimmert war und die Sterne ſchon mit bleichen Strahlen durch das dämmernde Blau brachen, ſtand er auf und trat den Heim⸗ weg an. Als er das Dörfchen wieder erreichte und das Licht im Pfarrhauſe glänzen ſah, überkam ihn eine tiefe Wehmuth und es trieb ihn mit unbezwinglichem Gefühle nach dem Kirchhofe an die friſche Grabſtätte ſeines Vaters. Hier ſaß er lange und weinte und hing ſeinen trüben Ge danken nach, bis völliges Dunkel ihn umgab. Es war eine milde Nacht, in welche die Wärme des heitern Herbſt⸗ tages wie in eine Juliusnacht hinüberwehte; daher erin⸗ nerte ihn auch nicht einmal die Abendkühle daran, daß es ſpäter und ſpäter wurde. Erſt als der Mond im Oſten aufſtieg und die dunkelrothen Strahlen unvermuthet durch die Taxusgebüſche warf, die die halb eingeſtürzte Kirchhofs⸗ mauer ſchwarz überrankten und überragten, erſt da fuhr er aus ſeiner tiefen Verſunkenheit empor und ſtand auf, um nach Hauſe zu gehen, wo er den Unwillen der Mutter über das ſpäte Ausbleiben fürchten mußte.

Um unbemerkt ins Haus zu kommen, ſchlich er ſich leiſe an der hintern Gartenſeite herum. Da hörte er plötlich neben ſich, doch im Garten flüſternde Stimmen; unwill⸗ kürlich ſtand er ſtill und horchte auf. Es war ſeine Mut⸗ ter, die mit dem Fremden ſprach.

Du biſt ein thörichtes Kind, Louiſe, hörte er ihn leiſe, aber im vorwerfenden Tone zur Mutter ſagen;wenn uns alles Das binden ſollte, was ein Thor auf dem Sterbebette von uns verlangt, ſo herrſchten die Todten in der Welt und nicht die Lebenden. Und grade im Sterben iſt der Menſch am ſchwächſten und verlangt, Andere ſollen für ihn thun und abbüßen, was er verſäumt hat.

4

Alſo