Erstes Capitel.
Der Pfarrer Werdenberg in dem Dörfchen Altenlinden lag auf dem Krankenbett und war der letzten Minute nahe. Tiefe Stille herrſchte in der Pfarrſtube, denn es befand ſich eben Niemand bei dem ſchlummernden Kranken, als ſein blondlockiges, ſiebenjähriges Töchterchen, das ihm, wie der Bruder ihr geheißen, die Fliegen abwehrte, damit ſie den Greis nicht weckten. Doch jetzo ſchlug dieſer von ſelbſt die Augen wieder auf und blickte ſeine kleine Wächterin weh⸗ müthig freundlich an.
„Iſt Dir wohl, Vater?“ fragte Annchen und nahm die matt herabhängende Hand des Kranken und ſtreichelte ſie freundlich.
„Wohl und weh, wenn ich Dich ſehe, liebes Töchter⸗ chen!“ erwiderte der Vater mit einem ſchmerzlichen Lächeln und ſuchte das müde Haupt emporzurichten. Aber er ſank von ſchwerer Krankheit und ſchwerern Sorgen belaſtet wie⸗ der in die Kiſſen zurück.— Die Thür öffnete ſich und Ernſt trat ein; leiſe nahte der Knabe dem Bett des Kran⸗ ken und, erſt da er ihn wachend fand, ſprach er:„Guten Abend, lieber Vater! haſt du ein wenig geſchlummert?“
„Ein wenig, mein Sohn,“ erwiderte dieſer,„ein wenig, aber genug. Ich werde ja bald“—— er dachte das
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