— 30—
Die nächſten vier Tage verfloſſen raſch; am Morgen⸗
des fünften erſchienen zwei Matroſen, die das Gepäck der Reiſenden abholten und in einer Stunde befanden auch dieſe ſich am Bord des kleinen, aber wohlgebauten und gut eingerichteten Fahrzeuges, um nach Frankreich abzuſegeln. Victor wurde durch den Namen deſſelben ſanft ſchmerzlich bewegt. Es hieß la Petite⸗Antoniette.
Auf's neue theilten ſie nun die Wogen, welche ſie der Heimat näher und näher führten. Zwei Tage und zwei Nächte dauerte die Fahrt. Am Morgen des dritten Tages ſahen ſie die franzöſiſche Küſte deutlich vor ſich liegen.— Victor war zuerſt auf dem Deck geweſen. Mit einer Em⸗ pfindung, wie noch niemals, betrachtete er die Ufer ſeines Vaterlandes. Schon ſo oft war er von weiten Seereiſen heimgekehrt und der Anblick der vaterländiſchen Küſte nach langer Entbehrung, war ihm jedesmal bewegend ge⸗ weſen, die Gewohnheit des Scheidens hatte ihm nichts von der ſüßen Freude des Wiederſehens geraubt; aber mit ſo warmer Liebe und Anhänglichkeit als heute, hatte er ſein Vaterland noch niemals begrüßt. Allein war es ihm jetzt nicht auch theurer geworden? Schon Leontine, ſchon Eduard gaben der Heimat dadurch, daß auch ſie ihr angehörten, einen höhern Werth; jetzt aber ſah er in ihr auch die Ge⸗ burtsſtätte eines ihm unendlich theuern Weſens und be⸗ trachtete ſie heute als das unſchätzbare Geſchenk, welches er der Geliebten zum Angebinde geben wollte. Denn, ſo wie er ſich durch ſie gerettet fühlte und ihr mit gerührter Freude die holde Gabe des Lebens dankte, ſo fühlte er doch auch in ſeiner Bruſt die Berechtigung, ſich als ihren Retter zu betrachten, fühlte, daß auch er, wenn ſie die Heimat ihrer Jugend erreichte, einigen Dank ihres Herzens ver⸗
diene.— Am meiſten aber erhob ſich ſeine reine Seele zu


