Teil eines Werkes 
13. Band = Neue Folge, 1. Band, Algier und Paris im Jahre 1830 : 1. Theil (1846)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4 3

7

Das erwartete Schiff nahte ſich faſt zuſehends. Man

hätte ahnen mögen, daß einem ſeiner Führer das Herz mit

allen Kräften der Jugend und Liebe nach dem Ufer ſchlug.

Eduard entwarf den Plan, nach dem Hafen zu fahren, um den Landenden dort ſogleich zu bewillkommnen. Allein Leontine war dagegen.Wie, ſprach ſie,ſoll ich ihn in dem Getümmel und Gedränge ſo vieler fremden Menſchen zuerſt wiederſehen, wo ich ihn nicht von ganzem Herzen em⸗

pfangen darf? Gewiß ſehne ich mich nach ihm ſo heiß,

wie er nach mir, aber doch bezwinge ich mich lieber eine Viertelſtunde, um ihm hier, nur umgeben von meinen Lie⸗ ben, gleich in die Arme fliegen zu können, ſtatt dort einen kalten Gruß und Handkuß von ihm zu empfangen!

Aber ſoll er denn Niemand finden, der ihn freundlich willkommen heißt? ſprach die Mutter.

O gewiß! Denn ich kenne meinen Bruder! erwi⸗ derte Leontine und ſah ihn freundlich winkend an.

Nicht wahr, Eduard, Du reichſt ihm die erſte Hand,

wenn er aus dem Boot ſpringt? Männer kennen ja das

Gefühl nicht ſo, was uns Frauen ſcheu in uns zurückdrängt, wenn wir der Offentlichkeit preisgegeben ſind. Wir laſſen erſchrocken bei der rauhen Berührung die Blätter ſinken und ſchließen die Blütenkelche gleich der zarten Sinnpflanze. Aber Ihr Männer ſpielt noch fröhlich in den Wellen des Lebens, die uns ſchon fortreißen. Und Du empfängſt ihn, guter Eduard, und bringſt ihn her zu uns, und hier wollen wir ihn ſo warm, ſo herzlich begrüßen, daß er wol fühlen ſoll, es liege nicht an uns, wenn wir ihm nicht bis mitten auf das Meer entgegeneilen.

Es wäre ſchwer geweſen, dem anmuthigen Schmeicheln des ſchönen Mädchens zu widerſtehen, auch wenn man wi⸗ derſtrebende Wünſche gehabt hätte. Wie gern und leicht

6.