— 4—
fehlt. Leontine ſtand von der Arbeit auf und ſetzte ſich vor das Rohr.
„Unruhiges Herz von neunzehn Jahren!“ ſprach die Mutter ſanft lächelnd;„es iſt ja kaum zwei Minuten her, daß Du durch das Rohr geſehen haſt. Noch iſt nichts zu erkennen!“
„Und doch!“ rief Leontine freudig.„Doch! Es die Aventure! Das eine Schiff kenne ich zu gut!“
„Beſte Mutter! Er kommt! Er kann noch heut Abend bei uns ſein!“
Und mit dieſen Worten ſprang das freudig gerührte Mädchen von dem Seſſel auf und bedeckte das Angeſicht der Mutter mit unzähligen Küſſen.
Frau von Clermont— dieſen Namen führte die Be⸗ ſitzerin des Landhauſes— wehrte mit ſanfter Freundlichkeit den Liebkoſungen der Tochter und ſtand von dem Seſſel auf, um ſelbſt durch das Fernrohr zu ſehen.
Die Ankunft des Schiffes erregte darum Leontinens Theilnahme in ſo hohem Grade, weil ſich ihr Bräutigam, Adolph, als Schiffslieutenant auf demſelben befand. We⸗ nige Tage zuvor hatte ſie einen Brief durch ein Aviſoſchiff, von der Station vor Algier, von ihm erhalten, wodurch ſie benachrichtigt wurde, daß bald danach die Aventure mit Depeſchen nach Toulon abgehen würde. Die Verlobten hatten ſich ſeit faſt ſieben Monden nicht geſehen. Man kann daher denken, mit welchem freudig pochenden Herzen Leontine jedes am fernen Horizont heraufkommende Schiff betrachtete, von dem Augenblick an, wo es, ein ſchimmern⸗ des weißes Pünktchen, gleich der flatternden weißen Möwe, dem Auge zuerſt ſichtbar wurde, bis zu dem, wo es mit vollen, aufgeblähten Segeln prachtvoll in den Hafen von Toulon einlief.


