Sechses Capitel.
Vergebens! Auf dieſem troſtloſeſten aller Worte ruhte jener ſchwellende, ſehnſüchtige Ton, den wir ſchon früher vernommen. Bernhard ſtand mit beklemmter Bruſt, Thrä⸗ nen traten ihm ins Auge und verdunkelten den Blick. Als er wieder aufſchaute, ſiehe, da war die Waldfrau verſchwun⸗ den; das Laub wogte wie von einem Windſtoß bewegt, und vor dem Mond zog eine trübe Wolke vorüber. Noch ſtand er ſinnend; da vernahm er einen leiſen Seufzer und Klage⸗ ton, der ihn aus ſeinem Traum erweckte. Er ſchaute um und ſah Hildegard, weinend mit der Stirn an einen Baum gelehnt. Sie hatte ihn noch nicht erblickt; er rief ſie, und als wenn das Lied Beiden das Geheimniß der Liebe, das ihnen als eine dunkle Ahnung im Buſen ſchlummerte, plötzlich gelöſt und dem ſuchenden Auge enthüllt häͤtte, ſan⸗ ken ſie ſchweigend, in ſüßen Thränen, einander in die Arme. „O, verlaß mich nimmer!“ bat das Mäͤdchen endlich mit erſtickter Stimme,„verlaß mich nie, niemals!“ Bernhard preßte ſie heftiger an den Buſen; ſie wankte ermattet, er ließ ſie ſanft auf den Raſen nieder und ſetzte ſich zu ihr, indem er ſie feſter und feſter im ſeligſten Entzücken an ſich drückte. So entſchlummerte ſie leiſe in den Armen des Geliebten und erwachte nicht eher, als bis der erſte Strahl des Tages auf ihrem Antlitz glühte und die kühlen Lüfte des Morgens ihr durch die Locken ſäuſelten. Da ſchien ihr aber Alles ein Traum zu ſein, und ſie konnte ſich nicht über⸗ reden, daß der Geliebte ſie wirklich am Herzen halte. Bald ſah ſie ihn mit den dunklen, blauen Augen groß und ver⸗ wundert an, dann ſchlug ſie ſie wieder ſchüchtern auf den


