Teil eines Werkes 
4. Band, 1812 : ein historischer Roman : 4. Theil (1843)
Entstehung
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Welch eine Zeit der ſüßeſten Mittheilungen, wenngleich mit den wehmüthigſten Erinnerungen gemiſcht, lebten Lud⸗ wig und Marie jetzt mit einander! In den erſten Stunden ihres Wiederſehens wurden ſie von den Stürmen gewaltiger Ereigniſſe ſo umbrauſt, daß das Herz keine Muße fand, ſich dem ſanften Glück der Betrachtung zu weihen. Jetzt in den langen Winterabenden, wo ein trauliches Gemach vier treue, ſchöne Seelen vereinte, wurden alle Sorgen und Qua⸗ len ihnen ſüß belohnt. Ihr Geſpräch weilte gern bei der Vergangenheit, denn ſchon warf die aufſteigende Sonne der Zukunft roſige Strahlen auf die fliehenden Tage zurück; ja ſelbſt bei dem Grabe der Mutter weilten die Gedanken der Geſchwiſter gern, wenngleich eine heilige Wehmuth ſie bei der Erinnerung an dieſes ſanfte Herz, dieſe milde Hand, welche die Tage ihrer Jugend ſo treu geleitet hatte, durch⸗ drang.

Mit gerührter Freude ſah Ludwig die Freundſchaft zwiſchen Bianca und Marie blühen und wachſen; mit noch tieferem Gefühl des Dankes gewahrte er, daß Mariens ſchweſterliche Theilnahme für Bernhard mit jedem Tage, wo ſein edles großes Herz ſich ihr weiter öffnete, wärmer und inniger wurde. In Bernhard war eine ernſte Umwandlung vorge⸗ gangen. Es wurde allmälig ruhiger und klarer in ihm. Wie edler Wein läuterte ſich die ſtürmiſche Glut der Gäh⸗ rung zu einem klaren, dauernden Feuer. Schon die furchtbaren Kämpfe hatten die überſtrömende Fülle herber Kraft gemildert und eine ernſtere Ruhe der Betrachtung in ſein Herz geſenkt. Doch noch tiefer drang jetzt der reine Strahl der Liebe in ſeine wogende, ungebändigte Bruſt ein, und ihre Wellen ebneten ſich, als trügen ſie Scheu, das heilige Bild ſeiner Vereh⸗ rung getrübt zurückzuwerfen. Die beſänftigende Macht, mit der früher ſchon Bianca's ſchweſterliche Nähe auf ihn wirkte,