ſich her und verfolgte ſie mit mächtig geſchwungenen Fit⸗ tigen. Sie nahm ihren Flug nach dem Thurme zu; doch faſt in dem Augenblick, wo ſie die ſichere Zuflucht erreichte, war auch der Feind ihr nachgekommen und packte das ängſt⸗
lich flatternde Thierchen mit ſeinen grimmigen Fängen dicht vor Lodoiska's Augen. Sie ſah einige durch den krallenden Griff ausgerupfte Federn fliegen und hörte das angſtvolle Kreiſchen des Täubchens. Der Habicht ſtrich im Schuß des Fluges ſo nahe an den Thurm, daß er mit den breiten grauen Flügeln gegen das Geſtein ſchlug, dann aber ſcheu vor den Menſchen, jedoch ohne den Raub fahren zu laſſen, ſich wieder hoch in die Lüfte ſchwang.
Die Frauen— denn auch Marie, die Gräfin und einige andere Damen der Geſellſchaft waren nach und nach in den Thurm getreten— hatten mit ängſtlicher Theilnahme dem Schauſpiel zugeſehen. Das Mitleid mit dem gequälten Thier⸗ chen, dem Niemand helfen konnte, und ſelbſt der Schrecken
vorr dem wilden, heiſer kreiſchenden Raubvogel, hatte Alle mehr oder weniger ergriffen. Lodoiska aber ſah bleich aus wie der Tod und zitterte heftig. Sie war noch zu aufgeregt von dem ſchauerlichen Gefühl, das der ſchwindelnd hohe Standpunkt, auf dem ſie ſich ſo plötzlich erblickt hatte, in ihr hervorbrachte, um nicht durch eine neue ähnliche Em⸗ pfindung heftig erſchüttert zu werden. Das Geſicht abwen⸗ dend, trat ſie zurück, und als ihr Auge auf die Gräfin traf, warf ſie ſich mit einer Art von Zucken an die Bruſt derſelben und rief einige Worte in polniſcher Sprache. Ihre mütterliche Freundin antwortete eben ſo, aber mit ſanftem tröſtendem Ausdruck. Dann wendete ſie ſich zu den Un ſtehenden und ſprach, um gewiſſermaßen den Gebrauch d fremden Sprache zu entſchuldigen:„Sie hat etwas Ah liches geträumt, darum ergriff der Vorfall ſie ſo heftig.“ 4


