Teil eines Werkes 
2. Band, 1812 : ein historischer Roman : 2. Theil (1843)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Erstes Capitel.

Seit Ludwigs Abweſenheit ſchwanden ſeiner Mutter und Schweſter die Tage ſtill und traurig dahin; Marie trug ih⸗ ren Schmerz mit ſanftem Dulden. Sie klagte nicht, ſie weinte nicht, nur in verdoppelter liebender Sorge für die Mutter ſuchte ſie Troſt; über ihr ganzes Weſen war eine wehmüthige Freundlichkeit gebreitet, welche ihr einen neuen zarteren Reiz verlieh. Sie wurde, und dies iſt die Natur edler Seelen, durch ihren Kummer beſſer, und jemehr ſie ſelbſt litt, deſto reger wurde ihre Aufmerkſamkeit und ihr Mitgefühl für die Leiden Anderer. So widmete ſie der Mutter, deren Bruſt⸗ übel ſich ſeit der innern Erſchütterung, die Ludwigs Schickſal ihr bereitet hatte, leider bedenklich verſchlimmerte, alle Ge⸗ danken ihrer Seele; vom früheſten Morgen an, wenn ſtie, vor dem Tage erwacht, einſam auf ihrem Lager ſaß, ſann ſie darauf, wie ſie durch kleine Freuden und Annehmlichkeiten der Kränkelnden über die lange, ſtumme Trauer dieſer trüben Tage hinweghelfen, ſie unvermerkt über ihren Schmerz täu⸗ ſchen wollte. Heimlich aber quälte ſie ſich mit der Beſorg⸗ niß, daß die Tage der Mutter ihrem Ziele nahe ſeien. Und nicht ohne Grund; denn ſie kannte jenes ſtille Untergraben 1 /4