Teil eines Werkes 
1. Band (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

Frau Suſanne ärgerte ſich ein wenig über dieſe Kritik und ſchwieg deshalb eine ganze Weile ſtill. Sie hielt ihre Sara für das non plus ultra eines wohlerzoge⸗ nen Kindes und ſie hatte theilweiſe Recht; wenn man die Grundlage ihrer Erziehung als Maßſtab ihrer Eigenthüm⸗ lichkeit reſpectirte. In dem Hauſe des Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn Vogler gab es nur einen Herrſcher in der Perſon des Hausherrn. Seine Autokratie erſtreckte ſich bis in die kleinſten Verhältniſſe und machte Miene, zur Despotie überzugehen, wenn er Widerſtand fand.

Der Herr hieß er von den Lippen der Gattin, wie des Dienſtperſonales,der Herr Vater war er für Sara, die auch derFrau Mutter den gehörigen Reſpect be⸗ weiſen mußte, wenn ſie es nicht mit dem Herrn Vater verderben wollte. Daß das kindliche Vertrauen dabei nicht recht gedeihen konnte, war erſichtlich, und Frau Kaiſerling mochte mit ihrer Behauptung nicht ganz Un⸗ recht haben. Frau Suſanne ahnte das und fühlte ſich unbehaglich bei dem Gedanken. Sie hatte von jeher die Reſultate der Kaiſerling'ſchen Erziehungsmethode, die ſich in weiteſter Ausdehnung auf dem Felde der gemüthlichſten Vertraulichkeit bewegte, in Zweifel gezogen und war mit ihren Prophezeiungen bis dahin gründlich geſcheitert. Die Söhne waren prächtige Männer und lebten in Danzig als tüchtige Geſchäftsleute. Die beiden Töchter hatten ſich