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Mit dem Wehen der erſten Frühlingslüfte rückte der Oberkammerherr und ſeine Gattin in die alten ge⸗ liebten Räume ein. Einige Wochen ſpäter kam der Präſident, Erneſt, Konſtanze und Alice. Der Regie⸗ rungsrath wollte erſt am Vorabend ſeiner Trauung mit Konſtanze eintreffen, die von allen Mitgliedern der Fa⸗ milie einſtimmig auf den 29. Mai, den Tauftag des Octavus, feſtgeſetzt worden war.
Dieſer Tag brach endlich an, heiter und wolkenlos, wie er fünf und funfzig Jahre früher geweſen war. Die Bäume ſtanden in der Pracht ihrer Blüthe— Wald, Wieſe und Flur legten Feierkleider des Frühlings an, und innen im Schloſſe wehete ein heiliger Ernſt.
Früh Morgens, ehe Konſtanze ſich in den bräut⸗ lichen Schmuck kleidete, berief ein Befehl des Primus ſämmtliche Nachkommen des Miniſter von Schmidt⸗ Welldorf nach dem ehemaligen Zimmer dieſes Vorfahren, der Glanz und Ehre auf ſie vererbt hatte. Ein Ge⸗ fühl der Ehrfurcht feſſelte anfangs die Aufmerkſamkeit Aller, als ſie das ganz unveränderte, antik ausgeſtattete Gemach betraten, woſelbſt ſie von dem alten Brüderpaare, das herzlich Hand in Hand ihnen entgegen kam, begrüßt wurden. Feierlich klang die ſonore Stimme des Primus in dem weiten Raume wieder, als er mit Rührung und Herzlichkeit begann:


