Teil eines Werkes 
2. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

41

bungen und ſeinem engherzigen Treiben lag weit ent⸗ fernt von ihrem Geſichtskreiſe, ſie befand ſich auf einer Höhe, wo eine gewiſſe Iſolirung von den Weltwirren ſtattfindet, ſo daß dem Idealismus bei weitem größere Felder zu Gebote ſtehen, als ſonſt irgendwie, kurz geſagt: ſie gehörte zu den Bevorzugten ihres Geſchlechts, die ſich erſt zur Gewöhnlichkeit hinabſenken müſſen, weil ſie auf dem Standpunkte ihrer Geburt und Erziehung, darüber hinweggehoben ſind. Ihre beneidenswerthe Lebensſtellung wurde aber, trotz ihrer Jugend, von ihr richtig erkannt und richtig gewürdigt und ſie fühlte ſich keineswegs geneigt, dieſelbe leichtſinnig aufs Spiel zu ſetzen. Man konnte ſich verſucht fühlen, Alicens Weſen mit dem Prädicate ſtolz zu bezeichnen, wenn man die äußere Gleichgültigkeit betrachtete, womit ſie über die Geringfügigkeiten des Lebens hinwegſah, allein es gab hundert mal des Tages für den verſtän⸗ digen und vorurtheilsfreien Beobachter Gelegenheit, den echt weiblichen Kern ihrer Gemüthslage kennen zu lernen. Und darum eben war ſie der Liebling des alten, ſtörriſchen Präſidenten, weil ſie mit Kraft an einer Selbſtverleugnung und Selbſtbeherrſchung arbeitete, die dem Weibe nothwendig zur Vervollſtändigung ihres Weſens iſt, aber leider ihrer armen ſeligen Mutter gänzlich gefehlt hatte.

1859. XIII. Erneſt Octav. II. 3