11
4
V los im Hauſe aufwuchs, daß man ſich ihres Daſein's
4 kaum bewußt war.
Lyſanne war die ſchüchterne Tochter eines ſchüchter⸗ nen Vaters, deſſen Wahlſpruch nach dem verunglückten Kanzelvortra durch ſein ganzes übriges Leben verdeut⸗ licht wurde. Er ging von dem Grundſatze aus, daß ein Menſch nie das zu erringen ſtreben ſolle, was den Frie⸗ den ſeiner Tage verkürze. Ihm fehlte die Energie zum Widerſtande und zum Kampfe, aber dafür hatte er eine rieſige Geduld aufzuweiſen— die Geduld eines Welt⸗ 1. weiſen, der einen Berg zur ebenen Erde machen konnte 1 ohne zu murren. Auch darin glich ihm ſeine Tochter. Mit der Emiigkeit einer Ameiſe umſchwärmte ſie ihren geduldigen Vater, wenn er ſaß und ſchrieb, ohne an eine Erquickung zu denken. Zu fragen wagte ſie nicht, ob er etwas bedürfe. Aber ſie ſchleppte Alles herbei, was ihn erfriſchen konnte und ſtellte es ihm nahe, daß er es ſehen f mußte. Dann ſetzte ſie ſich geduldig auf einen kleinen Stuhl und betrachtete das blaſſe, edele Geſicht ihres Vaters, wenn er ſich in den Momenten der Begeiſterung aufrichtete und nach den fliegenden Wolken des Himmels⸗ gewölbes emporſchauete. Dem Kinde erſchien der Vater in ſolchen Augenblicken als ein Heiliger und ſpäterhin, wo die Ideen in ihr klarer und feſter wurden, wo die Jungfrau ein Verſtändniß für ſolche ſchwärmeriſche Er
—


