Teil eines Werkes 
4. Band (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

180

zurück. Hätte ſie noch in den Banden der frühern Fehler gelegen, ſo würde ſie nicht ſo leicht Herr ihrer Sinne geworden ſein. Aber ihr Herz war unter der Obhut ihres hochſinnigen, zärtlichen Gatten lauter und rein geworden und die Keuſchheit hatte ihren Sitz in dieſem flatterhaften Herzen aufgeſchlagen.

Gertrud lächelte leiſe und mitleidig bei den glühen⸗ den Lobeserhebungen, in denen der Baron die Vergan⸗ genheit heraufbeſchwor. Der geſchickte Weltmann wurde von ihr mit bedenklicher Aufmerkſamkeit beobachtet, und ſie ſah eher, als es gut für ſeine Pläne war, daß er eine Leidenſchaft zur Schau trug, die ihren geheiligten Banden durchaus nicht anpaßte.

Sollte er nicht wiſſen, daß ich Wolf's Frau bin? fragte ſich die junge Frau heimlich und gab ihrem Weſen eine Haltung, die dem Baron komiſch vorkam. Es fiel ihm nicht ein, daß er mit ſeinem erſten Angriffe ſchon ſtecken geblieben ſein könnte, aber es war ihm unbequem, einem ſolchen Aufwande von Würde zu begegnen. Nach ſeiner Meinung war dies eine unnöthige Koketterie. Er nahm ſich vor, dieſe Würde mit Spott zu verjagen.

Während er dieſen Plan faßte, beſchloß Gertrud ihre Verhältniſſe aufzuklären, um ſeinem Benehmen die nothwendige Richtung zu geben.