Teil eines Werkes 
Schuld und Unschuld : Roman : 1. Band (1862)
Entstehung
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wußtſein daß ihre Herzen einander gehörten. Es ging indeß jezt wie immer wenn der Menſch ſich vom Rauſche des Augenblicks beherrſchen läßt; das Erwachen daraus wurde bitter, weil die Wirklichkeit da ganz unbarmherzig eintrat und über das Glück der entflohenen Stunde hohnlachte.

Auf acht Tage hatte Harms Vater ihre Verlo⸗ bung mit Caſpar feſtgeſezt. Der Gedanke daran jagte das Blut wild durch Harms Adern, als ſie ſich eines Abends allein im Zimmer befand und überlegte was geſchehen ſollte. Die Gefühle des jungen Mädchens waren heftig und leidenſchaftlich, das Wort Entſagen hatte ſie nicht verſtehen gelernt. Es ſchien ihr unmöglich auf ihre Liebe zu Enoch zu verzichten. So weit ſie ſich zurück erinnerte, war er ihr liebſter Freund geweſen; jedes gute und ſchöne Gefühl das ſie empfunden hatte war von ihm ge⸗ weckt worden, und jezt, da ſie wußte daß ſie beide einander gleich innig und warm liebten, jezt kam eine vom Vater beſchloſſene Ehe und trät ihrem künftigen Glücke in den Weg. Nein, ſie wollte ſich mit Caſpar nicht verloben. Was lag ihr daran daß er ſie liebte, da ſie nur Enoch ihr Herz ſchenken konnte? Sie beſchloß am folgenden Tag dem Vater zu ſagen daß ſie nicht Caſpars Frau werden könne. Mit dieſem Beſchluß ſchlief ſie ein, wurde aber von unruhigen und fieberhaften Träumen gequält. Es

war ihr als flüſterte ihr Jemand ins Ohr:

haſt jezt die Sonne Deines Glückes untergehen ſehen. Die wildeſten und ſchrecklichſten Phantaſien marterten ſie die ganze Nacht, und als ſie am Mor⸗ gen erwachte, ſtand die Amme mit einem Briefe in