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brauchen konnte, denn der junge Mann küßte ſie gar herzhaft und glückſelig auf den kirſchrothen Mund.
Was konnte ſie dagegen machen? Es blieb ihr wieder kein anderes Mittel, als ſtillſchweigen und die Augen zu ſchließen.
Aber böſe war ſie dem Aegidius wirklich ganz und gar nicht.
Und daraufhin gingen ſie Arm in Arm in's Zim⸗ mer zu dem alten Benefiziaten und wollten ihm ver⸗ kündigen, was vorgefallen, daß er nämlich eine Braut in's Haus bekommen habe.
Der alte Kölblich empfing ſie mit ſeinem freund⸗ lichſten Lächeln und ſah ganz außerordentlich vergnügt aus; erſt als von der Hochzeit die Rede war und von der neuen Wirthſchaft in Wien, wurde er traurig und ſprach:
„Dann wird's im Benefiziatenhaus recht ſtill wer⸗ den. Dein munteres Geſichtchen hat Deinem alten grämlichen Onkel recht gut gethan.“
Aegidius meinte zwar, da könne Rath werden. Der Herr Benefizigt habe ihm ja ſelber einmal ge⸗ ſagt, wie wenig nothwendig ſeine Anweſenheit in Lin⸗ denheim ſei und da könne er's ihnen ja nicht abſchla⸗ gen, ihr Haus künftig auch als das ſeinige zu be⸗ trachten.
„Laßt's gut ſein, Kinder,“ ſprach er mit mildem Ernſt,„es liegt in Gottes Willen, daß die Frauen den Männern und nicht den Onkeln folgen. Mein Tagewerk geht ja doch bald zu Ende und nachdem ich jetzt auch mit dem alten Keller von Lindenzell, Deinem


