Teil eines Werkes 
Die Witwe und ihre Kinder : 1. Band (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

127

loſes Kind, ſondern als eine ernſte, überlegſame Frau.

„Man hätte glauben ſollen, daß ein Mann, dem ein ſolches Kleinod zugefallen war, auch wiſſen würde, deſſen Werth zu ſchatzen und mit Zärtlichkeit und Liebe das junge warmherzige Weſen zu umfaſſen, deſſen Beſchützer er als Gatte ſein mußte. Aber nein; der Mann, der ſeinem Bruder das Verſpre⸗ chen gebrochen, der ihn um ſein Glück beſtohlen hatte, war aus lauter Egoismus zuſammengeſetzt, ſo daß nichts Gutes von ihm zu erwarten ſtand.

„Die Frau war in ſeinen Augen weiter Nichts, als ein Beſitzthum von ihm, eine Leibeigene, die er unterdrücken und moraliſch peinigen konnte, ſo viel ihm beliebte, ohne daß weder ein Geſetz noch ein Menſch damit zu ſchaffen hatte.

„Er wurde eiferſüchtig, wie jeder Egoiſt, welcher auf die eine oder andere Weiſe, aber gegen deren Neigung, ſich eine Frau gewonnen hat. Er wußte, daß ſie niemals ſeine Gattin hatte werden wollen, daß ſie ſeinen Bruder geliebt hatte, und dieß konnte er ihr nicht verzeihen. Selbſt unſittlich und ohne allen Begriff von Achtung vor den Pflichten, welche er gegen ſeine Frau zu üben ſchuldig war, glaubte er ſie jeder verwerflichen Handlung fähig.

„Die neue Heimath wurde für ſie ebenſo düſter wie die alte. Ihr Gatte war ein ſelbſtſüchtiger, hartherziger Mann, der ſie bald auf das Grauſamſte mißhandelte.

„Ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne irgend ein Weſen, welches ſeine Stimme zu ihrer Verthei⸗ digung erheben konnte, war ſie ſeiner ungerechten

*