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1. Walther von der Vogelweide.
D weh! Wohin verſchwanden alle meine Jahr'?
Iſt mein Leben mir geträumet oder iſt es wahr?
Das ich ſtets wähnte, daß es wäre, war das icht? lächt, irgend etwas.)
Darnach hab' ich geſchlafen und ſo weiß ichs nicht.
Nun bin ich erwachet, und iſt mir unbekannt,
Was mir hievor war kundig, wie meine andre Hand.
Leute und Land, dannen ich von Kinde bin geborn,
Die ſind mir fremde worden, recht als ob es ſei verlorn.
Die meine Geſpielen waren, die ſind träge und alt,
Bereitet iſt das Feld, verhauen iſt der Wald,
Nur daß das Waſſer fließet, wie es weiland floß.
Fürwahr! ich wähnte, mein Unglück würde groß.
Mich grüßet Mancher träge, der eh' mich kannte wohl;
Die Welt iſt allenthalben ungenadenvoll.
Wenn ich gedenke an manchen wonniglichen Tag,
Die mir entfallen ſind, wie in das Meer ein Schlag.
Dann immermehr o weh!
Walther von der Vogelweide. Maneſſiſche Sammlung I. 141. b.
Deutſchland hatte einen harten Winter überdauert; deſto lieblicher erſchien nun aber auch der Frühling wieder, nach dem ſich alle Welt ſo lange geſehnt.
WVie ein alter guter Freund, der nach ſchwerem
Siechthume geneſen, hob er eben jetzt ſein Haupt aus den weißen Schneekiſſen und lächelte in neuer Lebensfriſche ſo heiter und entzückend, daß es eine Luſt war.
II. 1


