210
Rabbi Bezalel Löw, der hohe Rabbi, das Wort.— „Wahr iſt es, unſere Glaubensgenoſſenſchaft hat in Prag ſo Manches erduldet, was zur Ehre der chriſtli⸗ chen Gemeinde beſſer unterblieben wäre, aber der Ge⸗ rechte, den Jehova begnadigt, denkt in dieſem Augen⸗ blicke nimmer und nimmer an das erlittene Unrecht. Er gleicht dem Sandelbaume, von dem der Brahmine ſo ſchön ſagt:„Vergib nicht nur, thue auch Gutes dem, der dir Verderben zubereitet, ſo wie der Sandelbaum im Fallen noch wohlriechend macht, die ihn gefällt.“ — Alſo denken auch wir nicht mehr an Erlittenes, ſondern ſeien wir beſtrebt uns der Gnade würdig zu beweiſen, welche uns Seine römiſche kaiſerliche Ma⸗ jeſtät zu Theil werden laſſen. Von dieſem unſern gu⸗ ten Sinne und Willen ſei den geſtrengen Herren Raths⸗ verwandten in der Altſtadt Prag ſogleich eine Probe dargebracht. Es iſt, ihr edlen Herren,“— fuhr der Rabbi fort,—„eine traurige Wahrheit, daß das Mißtrauen, welches unſere Glaubensgenoſſen von Seite der Chriſten fortwährend verfolgt, leider nur zu gerechten Grund in mancher Wunde unſeres eige⸗ nen Leibes hat. Eine der tiefſten Wunden bilden die falſchen Umtriebe, welche zuweilen bei der Wahl des Stadtvorſtehers der Judenſtadt Prags vorkommen. Um dieſen Krebsſchaden zu heilen, haben wir eine


