304
Es war am Feſte der heiligen Katharina, den 24. Dezember nach griechiſch⸗ruſſiſchem, oder am 6. nach unſe⸗ rem Ritus, als die„Mutter des Vaterlandes“, Katha⸗ rina II., Kaiſerin aller Reuſſen, in ihrem Palaſte zu Zarskve⸗Selo, dem prächtigen Luſtſchloſſe, 3 ½ Meilen von Petersburg, wohin jetzt eine breite, mit mehr als tau⸗ ſend Laternen verſehene Straße führt, den Tag ihrer Namensheiligen feierte.
Das regelmäßige Viereck des Palaſtes, deſſen größte Länge ſchon damals bei 700 Faden maß, ſo wie der ganze Halbzirkel der Hofgebäude war mit kaiſerlicher Pracht ausgeſchmückt. In allen Fenſtern hingen bunte und gold⸗ durchwirkte Tücher, das kaiſerliche Wappen prangte vor allen Portalen. Wie ein der Feuergluth entſtiegener Phönix blitzte ein großer über und über vergoldeter Doppeladler im Strahle der am wolkenloſen blauen Him⸗ mel ſtill und majeſtätiſch emportauchenden Morgenſonne auf der höchſten der fünf ſtark vergoldeten Kuppeln der Schloßkapelle. Es glich dieſer lichtſtrahlende Adler in der That dem Phönix, der ſich aus der Aſche erhoben hatte, dem ruſſiſchen Reiche, welches aus den Flammen
deutſch, franzöſiſch und italieniſch, zuweilen auch engliſch. Unter dieſen Damen findet man die liebenswürdigſten Frauen Europas, beſonders wenn eine ſorgſame Mutter oder tüchtige Gouvernante den Adel der Seele gepflegt hat.“


